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Else Ehekircher

Durch den Wunsch und den drängenden Willen ihrer Großnichte, Dagmar Waskiewicz, mehr über ihre Großtante zu erfahren, ist es möglich geworden, die Geschichte von Else Ehekircher zu erzählen. Sie hat 2016 die Ergebnisse ihrer Recherche privat als Buch verlegt[1].

Jugendporträt von Else Ehekircher (Bildrechte: Dagmar Waskiewicz).

Else Paula Ehekircher wurde am 9. Februar 1902 als jüngstes von 5 Kindern in Ulm geboren. Der Vater, Konrad Ehekircher[2] aus Langenau, besaß eine Mehl- und Zigarrenhandlung und erwarb 1896 das Haus Wengengasse 18 an der Ecke Irrgängle[3]. In den oberen Geschossen des Hauses lebte die Familie, im Erdgeschoss betrieb der Vater erfolgreich sein Geschäft. Die Mutter von Else, Barbara (genannt Babette) geb. Kroener, war Ulmerin[4]. Die Geschwister von Else waren zum Teil viel älter als sie, ihr großer Bruder Emil sogar 16 Jahre älter. Vielleicht spielte Else mit der gleichaltrigen Hedwig, Tochter des jüdischen Ehepaars im 3. Stock des Hauses (Hedwig Schulmann wurde viele Jahre später nach Riga deportiert und ermordet). Mehr als solche Mutmaßungen zu Elses Kindheit und Jugend lassen sich nicht aufführen. Man weiß auch nicht in welche Schule sie gegangen ist. Sie hat wohl gern Bücher gelesen und es liegen Zeichnungen und Bilder vor, die ein zeichnerisches Talent vermuten lassen.

Wengengasse in Richtung Norden. Nr. 18 ist das Haus rechts im Bild an der Ecke Irrgängle (Bildrechte: Stadtarchiv Ulm).

Schriftliche Aufzeichungen über Elses Leben gibt es ab ihrer Vorstellung am 23.6.1927 in der Heilanstalt Christophsbad[5] in Göppingen. Sie wurde von einer Schwester und einem Schwager dort unangemeldet und ohne ärztliches Zeugnis zur Aufnahme gebracht. Elses Schwester gab an, dass ein Arzt zur Aufnahme geraten hatte; sie sei seit einigen Jahren anders geworden,  oft teilnahmslos, aber auch gereizt, weinend oder sie könne auch gewalttätig gegenüber Angehörigen werden. Aus der Patientenakte[6] lässt sich erkennen, dass Elses Mutter lange Zeit hin und her gerissen war in der Frage, ob Else in eine Heilanstalt eingewiesen werden sollte; jetzt hatte man Else gar nicht gesagt, dass man sie dorthin bringen würde, stattdessen hatte man sie durch eine Täuschung nach Göppingen gelockt. Selbst Wochen danach wurde auch anderen Geschwistern nicht erzählt, dass Else jetzt in der Heilanstalt sei.

Porträt von Else Ehekircher als junge, erwachsene Frau (Bildrechte: Dagmar Waskiewicz).

Es lässt sich nicht ausschließen, dass die erneute Krise mit Else und die Entscheidung, sie nach Christophsbad zu bringen, auch mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Familie zu tun hatte. In den Ulmer Adressbüchern ist zu erkennen, dass Elses Vater das Haus irgendwann in den frühen 1920er Jahren verkauft hat. Die Familie wohnte weiterhin dort zur Miete. Möglicherweise war er zu einer solchen Maßnahme in Folge der Hyperinflation der damaligen Zeit gezwungen worden. In diesen Jahren gab er das Geschäft an seinen Sohn Emil ab.

Bei der Aufnahme im Christophsbad wurde Else als schlank und von mittlerer Größe beschrieben. Sie hatte schwarze Augen, dunkelbraune Haare und eine blasse Gesichtsfarbe. Im Aufnahmebefund wurde sie als zeitlich und örtlich orientiert, aber auch gleichgültig beschrieben. Eine gewisse Krankheitseinsicht war vorhanden, sie war jedoch verwundert über die Tatsache, dass sie in der Anstalt bleiben sollte und blieb trotz Protest ruhig und gleichmütig. Im weiteren Verlauf der Patientenakte steht, dass sie kaum sprach, wenn sie zu ihrem Krankheitszustand befragt wurde. Zu persönlichen Dingen gab sie freundlich Auskunft.

Else war aber keineswegs einverstanden mit ihrer Einweisung. Nach zwei Wochen wurde sie in eine andere Abteilung verlegt, weil sie unruhig und sehr laut war. Sie nahm das jetzt nicht mehr hin und verlangte entlassen zu werden. Nach zwei Tagen gelang ihr die Flucht durch eine List: sie konnte eine neue Pflegerin dazu bringen, sie in einen anderen Gebäudeteil zu bringen, und von dort konnte sie im Laufe des Nachmittags die Anstalt verlassen. Sie machte sich auf den Weg zu Fuß nach Geislingen, wo ihre verheiratete Schwester wohnte, eine Strecke von 18 Km, und kam am Abend dort an. Die Schwester war sehr überrascht, da sie von der Familie nichts über die Unterbringung von Else in Göppingen gehört hatte. Inzwischen war aber im Klinikum das Fehlen Elses aufgefallen und man schickte ein Auto um sie abzuholen. Sie wehrte sich. Im Jahr 2015, als Dagmar Waskiewicz mit der Spurensuche begann, konnte ihr inzwischen 94-jähriger Onkel sich noch daran erinnern, wie die verzweifelte Else sich mit unvorstellbarer Kraft am Treppengeländer festgehalten hatte, als sie abgeholt wurde.

In den nächsten Jahren wurde sie eher als stumpf und wenig interessiert beschrieben. Sie äußerte weder Wünsche noch Klagen. Sie beschäftigte sich meist mit dem gleichen Bilderbuch oder saß untätig herum. Im Umgang mit Mitpatienten gab es immer wieder Probleme. Sie war schon früh als Schizophren diagnostiziert worden, eine Diagnose, die damals manchmal zu Recht aber auch manchmal zu Unrecht getroffen wurde.

Das letzte Bild von Else Ehekircher, als sie schon lange in der Heilanstalt war. Es stammt aus der Krankenakte.

Ein Besuch der Eltern Anfang Dezember 1932 schien sie nicht sonderlich zu berühren. Trotzdem konnte man sie im Folgejahr dazu bewegen, einen Brief an die Eltern zu schreiben. Dieser war sprachlich gut ausformuliert und wurde in schöner Handschrift verfasst. In dem Brief fragt sie unter anderem, wie es zu Hause gehe und wann sie abgeholt werde. Sie schrieb von Angstzuständen und dass es schier nicht auszuhalten sei. Allerdings blieb der Brief in der Patientenakte, so dass man nicht weiß, ob er je an die Adressaten ausgehändigt wurde. Aus der Akte gewinnt man den Eindruck, dass der Brief nur dazu gedient hat, über den geistigen Zustand Elses zu beurteilen.

Aber ihr Zustand schien sich eher zu verschlechtern. Krampfzustände, Angstzustände und teilweise aggressives, heimtückisches Verhalten führten im März 1938 zur Verlegung in eine halbruhige Wachabteilung. Nach einem halben Jahr wurde sie zurück verlegt und kam im Juni 1939 erneut in die Wachabteilung. Dort wurde sie dann eher als ruhig, völlig untätig und nicht ansprechbar beschrieben. Ihr Zustand verändert sich nicht und so wurde Else Ehekircher am 21.Juni 1940 von Göppingen nach Weinsberg verlegt, das in dieser Zeit auch für andere Patienten als eine Art „Zwischenanstalt“ im Rahmen der T4-Aktion fungierte.

Über die Zeit in Weinsberg gibt es keine Unterlagen, die den Aufenthalt oder Krankheitsverlauf näher beschreiben. Auf einem Blatt ist lediglich vermerkt, dass sie vorübergehend hier war und am 11. Dezember 1940 als ungeheilt entlassen wurde. An diesem Tag wurde sie mit 70 weiteren Frauen in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht und noch am gleichen Tag ermordet.

2015 im Alter von 77 Jahren begann Dagmar Waskiewcz die Geschichte ihrer Großtante zu recherchieren. Gemälde und eine Fotografie waren der Anfang. In der Familie waren alle verstorben, lediglich ein Neffe von Else Ehekircher, der 94 Jahre alte Onkel von Frau Waskiewicz, konnte sich an den Vorfall in Geislingen erinnern.

Die Spurensuche ging über viele Archive in Christophsbad Göppingen, Berlin, Stuttgart, Grafeneck und auch  das Standesamt Ulm. Es folgten Zeiten des Wartens auf Auskünfte und auch Rückschläge, jedoch gab es immer wieder einfühlsame Menschen, die Frau Waskiewicz auf ihrem Weg unterstützten etwas über ihre Großtante zu erfahren.

 

Autorin: Petra Steinmetz-Däges

 

[1] Dagmar Waskiewkicz, „Spurensuche: Else Ehekircher, ein vergessenes Opfer der Euthanasie“

[2] Standesamtliches Geburtsregister Ulm (Stadtarchiv Ulm)

[3] Adressbücher Ulms (Stadtarchiv Ulm)

[4] „Deutschland Heiraten, 1558-1929“, FHL Datenbank, FamilySearch

[5] Patientenblatt Anstalt Göppingen 1927, Staatsarchiv Ludwigsburg F 235 III Bü 1659

[6] Patientenakte, Archiv Klinikum Göppingen