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Familie Hirsch

Stolpersteine Wagnerstraße 105 (GPS 48.394062, 9.970179)

 

Es war September 1940. Mit dreizehn Jahren schrieb Mina Hirsch, deren Spitzname Bobby war, folgende Worte an ihre in die USA geflohene Freundin Hannelore Baer, später verheiratete Wolf.[1]

 

Liebes, gutes Hannelorle,

denke gern an die schönen Stunden die wir zusammen verbracht haben. Bleibe gesund mit Deinen lieben Eltern. Alles Gute und erinnere Dich immer an mich wenn Du mich nicht mehr sehen solltest.

Deine Bobby

 

Zweieinhalb Jahre später war Mina tot. Am 1.März 1943 wurden sie und ihre Eltern Samuel und Ilse Hirsch nach Auschwitz deportiert. Von dort kehrten sie nicht zurück.

 

Rückseite eines Fotos, das Mina Hirsch ihrer in die USA ausgewanderten Schulfreundin Hannelore Baer schickte.

Rückseite eines Fotos, das Mina Hirsch ihrer in die USA ausgewanderten Schulfreundin Hannelore Baer schickte. Bild: DZOK

Mina kam am 29.Mai 1927 als einzige Tochter von Samuel und Ilse Hirsch in Ulm zur Welt. Zunächst besuchte sie für kurze Zeit eine staatliche Schule. Ab 1936 musste sie in die jüdische Schule am Weinhof gehen. Nach Beendigung der Schulzeit begann sie im „Nathan Strauss Hüttenwerk“ zu arbeiten. Zunehmende Repressalien erschwerten ihr Leben. Dennoch war sie immer voller Zuversicht. Eine damalige Freundin erinnerte sich:

 

Wir trafen uns in der Neutorstraße und gingen über die Blaubeurertor-Brücke zur Arbeit. Es war uns ja verboten, die Stadtmitte zu betreten. Mina arbeitete beim „Nathan Strauss Hüttenwerk“ am Westplatz und sagte, als wir dort angekommen waren, voller Hoffnung: „Wenn wir das überstehen, dann fängt das Leben für uns erst an.“ [2]

 

Ilse Vöhl im Jahre 1925. Copyright http://www.vor-dem-holocaust.de und Hilde Burton.

Ilse Vöhl im Jahre 1925. Copyright http://www.vor-dem-holocaust.de und Hilde Burton.

Minas Mutter Ilse Hirsch, geb. Vöhl kam am 21.Oktober 1904 als Tochter von Max und Fanny Vöhl, geb. Schemm in Gedern/Hessen zur Welt.[3] Sie hatte zwei Geschwister: Johanna Katten, geb. Vöhl und Manfred Vöhl. Ihre beiden Geschwister überlebten den Holocaust. [4]

 

Minas Vater, Samuel Hirsch wurde am 04.08.1890 als Sohn von Mina Rosenherz und Herrmann Hirsch in Bad Mergentheim geboren.[5] Er hatte 4 Schwestern.

 

Zwei seiner Schwestern haben den Holocaust überlebt – Martha Kahn, geb. Hirsch und Julie Vöhl, geb. Hirsch. Martha Kahn lebte nach der Shoah in Haifa und Julie Vöhl in Santiago de Chile. Samuels Schwester Karoline Bier, geb. Hirsch lebte vor dem 2. Weltkrieg in Köln. Am 20. Juli 1942 wurde sie in das Minsker Ghetto deportiert und dann in Maly Trostinec ermordet. Samuels Schwester Hedwig Klein, geb. Hirsch wurde am 29.11.1941 nach Riga deportiert und dann zum Außenlager Jungfernhof gebracht. Von ihr wurde nie wieder was gehört und sie wurde nach 1945 für tot erklärt.[6]

 

Samuel Hirsch heiratete Ilse Vöhl am 01.08.1926 in Gedern. Er hatte schon in jungen Jahren einen Arbeitsplatz bei der Fima Strauss Hüttenwerk in Ulm bekommen und stieg hier im Lauf der Zeit zum leitenden Angestellten mit Prokura auf. Das neu vermählte Paar zog also nach Ulm, wo sie zunächst in einer Wohnung auf dem Fabrikgelände an der Moltkestraße 70 lebten. Dort kam am 29.05.1927 Tochter Mina auf die Welt. Er verdiente in der Firma sehr gut und 1929 zog die Familie in die Wagnerstraße 105, wo sie bis 1940 in einer komfortablen 5-Zimmer-Wohnung wohnten. Nach dem Tod von Ilses Mutter zog ihr Vater Max Vöhl zu ihnen. Er starb 1935 an Krebs und wurde in Ulm begraben.

 

Als die Stadt Ulm nach 1939 damit anfing, Juden in sog. Judenhäuser zu sammeln, musste die Familie Hirsch ihre Wohnung verlassen und bekam 1940 in der Neutorstraße 1 einen Raum zugewiesen. Ihre Wohnungseinrichtung wurde verpackt.

 

Nach den zunehmenden Diskriminierungen nach 1933 hatte die Familie Hirsch den Entschluss schon gefasst auszuwandern. Ihr Ziel war zuerst Chile, und sie hatten im Jahr 1938 für dieses Land schon Visen bekommen. Die Familie ließ aber etwas Zeit verstreichen; erst nach dem Verlust ihrer Wohnung in der Wagnerstraße trafen sie handfeste Vorbereitungen. Resi Weglein, eine Bekannte der Familie erinnerte sich, dass Frau Hirsch bei ihr gewesen war und ihr von dem Entschluss auszuwandern berichtete. Sie schrieb:

 

„In dem Zeitraum nach dem Polenfeldzug und vor dem Ausbruch des Frankreichfeldzugs kam Frau Hirsch zu mir und teilte mir mit, dass die Familie beabsichtige, nach Südamerika auszuwandern. Sie bat mich, ich möchte ihr beim Verpacken des großen Lifts behilflich zu sein.“ [7]

 

Resi Weglein half beim Verpacken des Mobiliars und der Kleider, welche aus 13 Umzugskisten und einem Lift  bestanden. Die Firma Baar, Moering und Co. GmbH transportierte die Sachen nach Stuttgart. Dort blieben sie stehen, bis sie später bei einem Luftangriff auf Zuffenhausen zerstört wurden. Samuel Hirsch überwies von seinem Konto an die deutsche Golddiskontbank Berlin für die Genehmigung zur Mitnahme seines Umzugsgutes 100 RM und für den Spediteur 858,60 RM. Dazu kam der Zwang, Wertsachen und Schmuck abzugeben an die städtische Leihanstalt Stuttgart, u.a. auch einen silbernen Leuchter, der einen Wert von 7000 RM hatte. Das Geldvermögen und Aktien wurden am 14.9.1939 eingezogen, sodass die Familie nichts mehr besaß.

 

Leider wurde Anfang 1940 Chile als Auswanderungsland gesperrt. Die Visen der Familie Hirsch waren wertlos. Mitte 1940 hatte auch Italien die Durchreise-Visen verwehrt. Eine andere Möglichkeit, die der transsibirischen Eisenbahn, konnte Familie Hirsch nach Beginn des Feldzuges gegen die Sowjetunion auch nicht mehr nutzen.

 

Im April 1942 war  die Deportation der Ulmer Juden im vollen Gang und die Familie Hirsch wurde für einen Transport aus Stuttgart Killesberg nach dem Osten eingeteilt. Sie waren schon nach Stuttgart gebracht worden, als sie auf dringendes Ersuchen Samuels Betriebes (inzwischen schon längst arisiert und unter dem Namen Neubronner & Sellin firmierend) aus dem Transport zurückgezogen und wieder nach Ulm zurückbefördert wurden. Familie Hirsch durfte vorerst in Ulm bleiben, da Samuel Hirsch als Spezialist bei der Firma tätig war und dieser Betrieb als „besonders kriegswichtig“ galt.

 

Seine Schwester Julia Vöhl, die den Holocaust überlebte, schrieb:

 

„Ich weiß, dass es sich um ein Geheimnis über die Herstellung von Duraluminium handelte  und mein Bruder das Geheimnis kannte.“ [8]

 

Nach der Rückkehr nach Ulm lebte die Familie zunächst getrennt, später bekamen sie zwei Zimmer in der Neutorstraße 15 zugewiesen. Das Gebäude Neutorstraße 15 wurde von der Wehrmacht erworben und musste bis spätestens 1.8.1942 von den Juden geräumt werden. Familie Hirsch durfte bleiben.

 

Anfang 1943 traf die NS-Führung die Entscheidung, auch die für kriegswichtige Zwecke zurückbehaltenen Juden zu vernichten. Am 1. März 1943 ging im Rahmen der dafür ausgerufenen „Fabrikaktion“ ein Sammeltransport mit Juden aus Stuttgart nach Auschwitz. Damit wurden die letzten in Ulm lebenden jüdischen Bürger deportiert; Familie Hirsch, Marie Klein, geb. Maier und Ernst Moos. Von den 1500 Menschen in dem Zug wurden 150 in Auschwitz zur Arbeit selektiert, die anderen wurden sofort ermordet. Es gibt keine Belege, dass Angehörige der Familie Hirsch in das Arbeitslager übernommen wurde.

 

Mina Hirsch

Mina Hirsch. Bild: DZOK

Autorin: Mechthild Bohn

 

[1] Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg, R 1/621-1326

[2] Margot Rosenmeier 2007, zitiert in Ingo Bergmann: “Und erinnere dich immer an mich. Gedenkbuch für die Ulmer Opfer des Holocaust“, 2009.

[3] Magistrat der Stadt Gedern, telefonische Auskunft.

[4] Thomas Lummitsch: Jüdisches Leben in Gedern, Magistrat der Stadt Gedern (Hrsg).

[5] Auskunft der Stadtverwaltung Bad Mergentheim, Sachgebiet 42, Stadtarchiv.

[6] Wiedergutmachungsakte, Landesarchiv Ludwigsburg.

[7] Vernehmungsniederschrift vom 15.05.1961, Staatsarchiv Ludwigsburg.

[8] Brief an das Landesgericht, Rückerstattungskammer vom 12.02,1970, Staatsarchiv Ludwigsburg.