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Familie Schulmann

Stolpersteine Neutorstraße 16 (GPS 48.402063, 9.986927)

 

Hedwig Schulmann wurde am 11. Juli 1902 als Tochter von Albert und Selma Schulmann in Ulm geboren. Durch den frühen Tod des Vaters wurde sie schon mit 14 Jahren Halbwaise. Sie wohnte mit ihrer Mutter Selma (siehe unten) und ihrem Bruder Paul an verschiedenen Ulmer Adressen: Wengengasse 18, Karlstraße 44, Neutorstraße 16 und zum Schluss im „Judenhaus“  Neutorstraße 15. Kurzfristig war sie 1936 auch in München gemeldet, zog aber bald wieder nach Ulm zurück.[1]

Man findet Hedwig Schulmann in der Liste der Schülerinnen der Klasse Va der Höheren Mädchenschule für das Schuljahr 1913/14. Die Schule befand sich damals in der Sammlungsgasse, so dass Hedwig jeden Tag durch die Stadt zur Schule ging. Sie hörte wohl wie viele andere nach der VIII. Klasse auf, da sie nicht in der Liste der Abiturienten auftaucht.[2]

Hedwig hat nie geheiratet. Sie litt unter epileptischen Anfällen, die mit zunehmendem Alter häufiger wurden. Wohl deswegen war sie manchmal auf die Hilfe ihrer Mutter angewiesen.[3] Soweit bekannt ist, wurde sie nie in eine Heilanstalt eingewiesen im Gegensatz zu dem, was in der damaligen Zeit recht oft das Schicksal von Epileptikern war. Ihre Mutter war offensichtlich willens, ihre Tochter bei den epileptischen Episoden selbst zu unterstützen und zu pflegen.

Über 12 Jahre lang arbeitete Selma Schulmann im Hausierhandel. Nach der „Arisierung“ dieses Geschäftszweiges mit dem Gewerbeordnungsgesetz vom 6.7.1938 wechselte sie ihre Tätigkeit[4] und trat am 5. Juni 1939 eine Stelle als Hausgehilfin im jüdischen Altersheim Herrlingen an. Am 3. Oktober 1939 zog sie ins Altersheim nach Herrlingen um, da die Zugverbindungen zwischen Ulm und Herrlingen immer schlechter wurden.

Eine ehemalige Hausbewohnerin in Herrlingen beschrieb[5] Hedwig Schulmann als intelligente und mutige Frau, die sich auch vor Nichtjuden nicht scheute, auf die Entwürdigung und Entrechtung ihres jüdischen Volkes hinzuweisen. Sie war ca. 1,60 m groß, hatte blaue Augen und kurze, braune Haare.  Wegen der immer häufiger werdenden epileptischen Anfälle wechselte sie öfter den Wohnsitz zwischen Ulm und Herrlingen, da sie von ihrer Mutter Selma in Ulm besser betreut werden konnte. Ein letztes Mal wechselte sie am 30. April 1941 den Wohnsitz zurück zu ihrer Mutter in das „Judenhaus“, Neutorstraße 15 in Ulm.[6]

Von dort aus wurde sie am 28. November 1941 im Rahmen der ersten Transporte der Ulmer Juden „in den Osten“ abgeholt und ins Sammellager Killesberg in Stuttgart gebracht. Eine Zeitzeugin, die im selben Haus wohnte, schilderte diesen Abschied: “ Mit dem ersten Transport im November 1941 wurde sie abgeholt. Ich war Zeugin einer erschütternden Szene: Die Transporte wurden nach Lebensalter zusammengestellt. So war Hedwig Schulmann dem ersten zugeteilt, ihre Mutter als Ältere jedoch nicht. Diese fiel vor den Uniformierten (ich weiß nicht mehr, ob es SS, SA oder Polizei war) auf die Knie und flehte weinend, sie mit ihrer Tochter gehen zu lassen, weil diese krank und auf ihre Hilfe angewiesen sei. Der Uniformierte setzte sich unbewegt darüber hinweg und sagte so etwas Ähnliches wie: ‚Zuerst die Jüngeren, Sie kommen später‘. Hedwig Schulmann blieb ganz ruhig, umarmte ihre Mutter und ging mit einer Bemerkung, die ich nicht verstand, aufrecht die Treppe hinunter.“[7]

Am 1. Dezember 1941 wurde Hedwig Schulmann nach Riga deportiert. Nach drei Tagen Fahrt in ungeheizten Viehwagons kamen die Deportierten im Rigaer Bahnhof Skirotawa an. Die meisten der Zwangsverschleppten mussten in das 2 bis 3 km entfernte Lager Jungfernhof, ein heruntergekommenes Gut, marschieren. Vermutlich wurde Hedwig Schulmann dort unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet oder sie erfror während des strengen Winters 1941/42 bei Temperaturen von 30-40°C unter null in den Todesbaracken.

Selma Schulmann, die Mutter von Hedwig und Paul, wurde als sechstes von neun Kindern am 11. September 1875 in einer Wohnung in der zweiten Stock der Donaustraße 10 in Ulm geboren. Ihre Eltern waren Beny (Benjamin) Mann, ein Kaufmann aus Wattenheim (Pfalz) und Louise Mann, geb. Moos aus Kappel (Bad Buchau).[8] Sie hatten 1869 geheiratet, sich in Ulm niedergelassen und schnell eine Familie gegründet – die Kinder kamen alle zwischen 1870 und 1878 auf die Welt. 1880 zog die Familie in die Frauenstraße 34, wo sie endlich ein ganzes Haus für sich hatten. Dann gründete Beny Mann ca. 1885 eine eigene Firma, die Beny Mann & Comp., die wohl mit Textilien gehandelt hat.

Im Jahr nach der Firmengründung, 1886, starb Selmas Vater Beny völlig unerwartet im Alter von 41 Jahren an einer Lungenentzündung. Das älteste der Kinder war erst 16 Jahre und Selma war 11 Jahre alt. Benys Witwe Louise Mann führte das Geschäft weiter und zog gleichzeitig ihre Kinder groß, wobei die ältesten wahrscheinlich auch im Geschäft halfen. Zwei der Brüder wurden zu bekannten Persönlichkeiten in Ulm, der Arzt Ludwig Mann und der Rechtsanwalt und Stadtrat Siegfried Mann.

Mitte 1896 verließ Louise Mann das große Haus in der Frauenstraße und mietete von der Familie Levi den ersten Stock des Hauses „Zum Engländer“, Weinhof 19. Die Levis waren Besitzer der Bettfedernfabrik, deren Teilhaber in den 1870er Jahren Albert Einsteins Vater Hermann gewesen war. Zu dieser Zeit waren einige der Kinder schon ausgezogen aber Selma und andere wohnten noch zu Hause.

Am 14. Oktober 1901 heiratete dann Selma Mann den am 13. Oktober 1861 geborenen Kaufmann Abraham (genannt Albert) Schulmann aus Mönchsroth. Das Paar bewohnte anscheinend vorerst eine Wohnung in dem Gebäude Weinhof 17 in Ulm, an der Staufenmauer gegenüber vom „Engländer“. Das war aber sicherlich ein Provisorium, da das Haus eigentlich ein Lagerraum für die Bettfederfabrik war, und das Paar bezog wenig später eine Wohnung in der Wengengasse 18.

Am 11.7.1902 brachte Selma die Tochter Hedwig zur Welt. Ihre ersten zwölf Jahre verbrachte Hedwig in diesem Haus in der Wengengasse an der Ecke Irrgängle. Möglicherweise spielte sie auch mit der im Stockwerk unter ihr lebenden, gleichaltrigen Tochter des Hausbesitzers Else Ehekircher, die im Dezember 1940 Opfer der NS-Krankenmorde in Grafeneck wurde.[9] Am 29.7.1905 bekamen Albert und Selmas auch den Sohn Paul. Er ging in das Ulmer Gymnasium an der Olgastraße und bestand 1923 seine Reifeprüfung (heute „Abitur“).[10]

Schon kurz nach der Eheschließung war Albert Schulmann, zusammen mit Selmas Onkel Heinrich Mann, Teilhaber der Firma seiner Schwiegermutter Louise geworden. Ungefähr zu dieser Zeit entschieden sich die Teilhaber in einem Hinterhaus des neu gebauten Hauses Neutorstraße 18 eine Fabrik mit Lagergebäude zu einzurichten. Aus Beny Manns Textilhandlung wurde somit die Beny Mann & Co. Hemden- und Schürzenfabrik.

Am 12.3.1912 starb Selmas Mutter Louise an einem Leberleiden. Das Geschäft wurde von Albert und von Selmas Onkel Heinrich Mann weiter geführt.  Wenig später zog die Familie aus der Wengengasse in eine Wohnung im 2. Stock der Karlstraße 44. Dies war ein komfortabler Neubau an der Ecke Kasernenstraße (heute Karl-Schefold-Straße) gegenüber von der Grenadierkaserne. Die Wohnung war nach dem Umzug eines Cousins von Selma frei geworden.

In der Kriegszeit ab 1914 gab es für eine Bekleidungsfirma wie Beny Mann & Co. in einer Garnisonsstadt wie Ulm genügend Kunden. Dann starb plötzlich Albert im Alter von 56 Jahren am 16. Mai 1917 an einem Herzinfarkt. Tochter Hedwig war 14, nicht viel älter als Selma zum Zeitpunkt des Todes ihres Vaters, der Sohn Paul war 11 Jahre alt. Aber Selma folgte nicht dem Beispiel ihrer eigenen Mutter, die die Firmenleitung übernommen hatte und blieb dem Geschäftsleben fern. Die Firma wurde von Heinrich Mann, der wahrscheinlich Selma und die Kinder finanziell unterstützte, allein weitergeführt. Selma wohnte auch mit Tochter und Sohn weiterhin in der Karlstraße 44.

Einige Jahre später starb auch Heinrich am 9.5.1924 nach einem Schlaganfall. Die Bekleidungsfirma in der Neutorstraße musste anschließend aufgelöst werden und es ist unklar, wie die Familie Schulmann nun finanziell gestellt war. Bekannt ist, dass Hedwig Schulmann in dieser Zeit mit einer Tätigkeit als Hausiererin begann. Sicherlich verschlimmerte sich die Lage mit der Wirtschaftskrise und sowohl Selma als ihre verwitwete Tante Bella, die seit dem Tod Heinrichs Selmas Nachbarin war[11], sind dann möglicherweise in preiswertere Wohnungen umgezogen. Selma fand eine Erdgeschosswohnung in der Neutorstraße 14 und betrieb dort ab 1933 mit einem oder zwei Zimmern eine Pension. Zum Glück war ihr Sohn Paul jetzt selbständig. Auch Tochter Hedwig wohnte zeitweise anderswo, litt aber mit zunehmendem Alter immer häufiger unter epileptischen Anfällen und musste ab und zu von ihrer Mutter gepflegt und versorgt werden.

Als in dem im jüdischen Besitz befindlichen Nachbargebäude Neutorstraße 16 eine Wohnung im Erdgeschoss frei wurde, zog Selma um. Dort betrieb sie ab spätestens 1937 wieder eine kleine Pension während im ersten Stock die Besitzerfamilie Hirsch und im zweiten Jenny Hilb lebten. Später lebte auch Selmas Cousin Hugo Moos im Haus. Aber die Verfolgungsmaßnahmen gegen die Juden wurden immer tiefergreifender; Ende April 1939 wurde der Mieterschutz für Juden aufgehoben und wenig später erfolgte die „Zwangsarisierung“ sämtlichen verbliebenen jüdischen Besitzes.

Die Familie Hirsch floh 1941 in die USA nachdem ihnen ihr Haus weggenommen worden war und im Laufe desselben Jahres, wenn nicht früher, wurden allen jüdischen Bewohnern des Hauses gekündigt. Selma wurde gezwungen in das gegenüber liegende „Judenhaus“ Neutorstraße 15 umzuziehen.

In dem „Judenhaus“ fristeten die Bewohner ein Leben als verarmte Ausgestoßene, die von einem großen Teil der Bevölkerung nicht beachtet wurden. Die NS-Regierung ergriff nach dem Beginn des Russlandfeldzugs die erste Gelegenheit sich der Juden zu entledigen. Als Selmas Tochter Hedwig Schulmann Ende November 1941 für die Deportation nach Riga abgeholt wurde, flehte Selma die Beamten an, sie mit ihrer Tochter gehen zu lassen, da Hedwig auf ihre Hilfe angewiesen sei. Dies wurde mit den Worten „Zuerst die Jüngeren, Sie kommen später“ strikt abgelehnt. Selma Schulmann blieb allein zurück, da ihr Sohn Paul bereits 1939 in die USA hatte emigrieren können.

Am 15. Juni 1942 wurde Selma Schulmann, zusammen mit acht weiteren Ulmer Juden, in das jüdische Altersheim Herrlingen zwangsumgesiedelt. Dort wurde sie gezwungen am 15. August 1942 einen „Heimeinkaufsvertrag“ für das als „jüdische Altersheim Theresienstadt“ getarnte KZ Theresienstadt abzuschließen. 4503 RM bezahlte Selma Schulmann dafür. Eine Woche später wurde sie am 22. August 1942 über Stuttgart nach Theresienstadt deportiert. Schon am 26. September 1942 wurde sie von dort aus in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort vermutlich bald nach ihrer Ankunft ermordet.

Paul Schulmann wählte einen Beruf als Kaufmann, es ist aber nicht bekannt wo er arbeitete. 1935 heiratete er in Ulm Celia Schulmann, geb. am 07. Oktober 1910. Celia war die Tochter des Neu-Ulmer Kaufmanns für Büroartikel Emil Kaufmann und seiner Ehefrau Paula geb. Kirschbaum. Das Paar wohnte nach der Eheschließung in der Schützenstraße 38, Neu-Ulm. Im Jahre 1939 emigrierten die beiden in die USA, nach Fair Lawn, Bergen County, New Jersey. Paul und Celia Schulmann hatten zwei Töchter: Ruth Feigenbaum und Esther Wollruch. Paul Schulmann starb im Juni 1976, Celia am 04. Oktober 2011 mit fast 101 Jahren.

 

Autor: Hans-Peter Hartmann

 

[1] Für diese und weitere Adressenangaben siehe die historischen Adressbücher Ulms. Aus den Angaben lässt sich z.T. auch die berufliche Entwicklung der betroffenen Personen entnehmen.

[2] Städtische Höhere Mädchenschule Ulm, Jahresbericht über das Schuljahr 1913/14.

[3] Schriftliche Auskunft Hanne Serkey, zitiert in Ulrich Seemüller: „Das jüdische Altersheim Herrlingen“, 2. Auflage, 2009.

[4] Ibid.

[5] Ulrich Seemüller, „Das jüdische Altersheim Herrlingen, Blaustein“, 2009, S. 146.

[6] Ortsverwaltung Herrlingen, Archiv Az. 9885.

[7] Schriftliche Auskunft Dr. Irmgard Schmidt-Sommer, zitiert in Ingo Bergmann: „Und erinnere dich immer an mich. Gedenkbuch für die Ulmer Opfer des Holocaust“, 2009.

[8] Für diese und alle weitere Daten zu Geburten, Eheschließungen und Todesfällen siehe die Personenstandsregister der jüdischen Gemeinde in Ulm, Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 386, Bü 582 bis 596.

[9] Dagmar Waskiewicz: „Spurensuche. Else Ehekircher. Ein vergessenes Opfer der Euthanasie“, Gerolzhofen, 2015.

[10] Ulmer Bilder Chronik, Bd. 4, Ulm, 1937

[11] Bella Mann konnte 1936 nach Südamerika fliehen.