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Lina Girr

Lina Girr wurde am 12. Juli 1878 in Ulm geboren. Sie war das uneheliche Kind von Babette Girr aus Gerhausen [1]. Von ihrem leiblichen Vater ist nichts bekannt. Lina Girr war an infantiler Cerebralparese erkrankt, linksseitig gelähmt und geistig entwicklungsverzögert. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr lebte sie bei ihrer Mutter in Ulm im Frauengraben 154, heute Frauengraben 47. Im Alter von 16 Jahre traten bei ihr heftige epileptische Anfälle auf. Deshalb wurde sie am 16. Oktober 1894 in die Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische „Bethel“ bei Bielefeld überwiesen.

In der Krankheitsgeschichte dort wird dokumentiert, dass ihr Krankheitszustand befriedigend sei [2]. Sie wird als ruhig, zufrieden und fleißig beschrieben. Die epileptischen Anfälle „treten nur noch selten auf“. Dennoch wurde sie im Januar 1922 als unheilbar entlassen. Am 7. August 1922 wurde sie in der Heil- und Pflegeanstalt Weißenau aufgenommen. Im Krankenbericht von dort ist zu lesen, dass sie wohl bereits in ihrem 1. Lebensjahr Krampfanfälle hatte, die sich im Lauf der Jahre verschlimmerten, dass sie einige Jahre mit Unterbrechungen die Schule besuchte, dass sie lesen und schreiben konnte und konfirmiert wurde. Sie konnte anscheinend gut über sich Auskunft geben. So sagte sie, dass ihre Mutter am 27. Juni 1922 an einer Lungenentzündung gestorben sei, und auch ihr Vater tot sei. Vielleicht kann man davon ausgehen, dass die Einweisung nach Weißenau mit dem Tod der Mutter zu tun hat. Linas Mutter hatte vor ihrem Tod noch Karl Müller, einen Kernmacher aus Ulm geheiratet, der in der Hahnengasse in Ulm lebte.

Auch in der Krankengeschichte von Weißenau wird Lina als ruhig, freundlich und zufrieden beschrieben. Ihre Lieblingsbeschäftigung sei das Zerreißen von Papier. Die Papierfetzen bewahre sie sorgsam auf und sei sehr unglücklich, wenn ihre jemand die Papierfetzen wegnehme. Am 8. September 1925 wurde sie als ungeheilt in die „Pflege- und Bewahranstalt Liebenau“ überführt. In einem Schreiben an das Städtische Wohlfahrtsamt Ulm ist zu lesen: „Lina Girr, die an epileptischem Schwachsinn leidet, bedarf bei ihrem derzeitigen Geisteszustand zwar noch fremder Wartung und Pflege, aber nicht mehr unbedingt die Irrenanstaltsbehandlung. Sie eigne sich gut zur Unterbringung in der Epileptikeranstalt in Stetten im Remstal, in der Diakonissenanstalt Schwäbisch Hall oder in der Pflegeanstalt Liebenau, wo sie noch billiger verpflegt werden könne.“

Fünfzehn Jahre lang war sie in Liebenau, bis sie am 2. Juli 1940 nach Schussenried „verlegt“ wurde. Von dort kam sie am 29. Juli 1940 in die Euthanasieanstalt Grafeneck, wo sie noch am selben Tag getötet wurde [3].

 

[1] Babette Girr wurde am 4. Januar 1857 geboren. Die Großmutter von Lina Girr war Katharina Girr (geboren am 20. September 1815), ihre Urgroßeltern waren Johann Jakob und Katharina Girr (geheiratet im Jahr 1800).

[2] Eintrag in der Krankenakte (Hauptarchiv der von-Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel: HAB Beth Kanz P, 155 – 2518).

[3] In Ulm wurde der Todestag am 8.8.1940 eingetragen (Nr. 1/45/1940)

 

Autorin: Mechthild Bohn